Freitag, 27. Oktober 2017

Mathe: Eins, Musik: Fünf.

Es ist inzwischen fast ein Jahrzehnt her, dass And So I Watch You From Afar mit ihrem fantastischen selbstbetitelten Debüt quasi aus dem Stand zu einer der besten instrumentalen Rockbands des neuen Jahrtausends wurden. Die Nordiren definierten ihren energischen instrumentalen Math-Prog durch immenses Tempo, flirrende Staccato-Beats und ein höhenintensives Gitarrenspiel, das mitunter eher an 8-Bit-Elektro erinnerte als an Rockmusik. Wer sich für derartige Grenzgebiete interessiert und instrumentale Musik nicht immer nur im Postrock-Kontext hören will, dem kann ich diese LP nach wie vor wärmstens empfehlen. Aber ASIWYFA wären nicht so eine großartige Band, hätten sie die Fackel dieser Ästhetik nicht auch nach ihrem Debüt weitergetragen und vor allem entwickelt. Ihre Diskografie der letzten acht Jahre ist gespickt mit seltsamen stilistischen Exkursen und wahnwitzigen Ideen, die in bis dato vier tollen Alben mündeten. Nach der klanglich prägenden ersten Platte experimentierten sie auf Gangs mit Prog und Metal, wagten sich auf All Hail Bright Futures weit in Pop-Territorium vor und machten 2015 mit Heirs zuletzt ihre vielleicht rockigste LP. Man könnte also meinen, dass ASIWYFA mittlerweile genug musikalische Erfahrungen gemacht haben, um sich jetzt nach Lust und Laune auszutoben. Nur warum machen sie dann hier ihr bisher ideenlosestes und ödestes Album überhaupt? Ich weiß es auch nicht so wirklich. Was ich neben der einzigartigen Handschrift an dieser Band immer besonders mochte, war ihr Wille, ständig neue Sounds zu erforschen und das in einem Tempo, bei dem teilweise sogar mir selbst schwindlig wurde. Es schien vollkommen unmöglich, dass sie irgendwann keine neuen Steckenpferde mehr finden würden und ich für meinen Teil hätte sicher auch ein Funk-, Disco- oder Reggae-Album der Nordiren cool gefunden. Hauptsache, es kommt nicht zum Stillstand. Nur passiert leider gerade das auf the Endless Shimmering in fast allen Aspekten: Das Songwriting ist lahm, die Produktion zahnlos und in fast allen der neun Tracks hier bedienen ASIWYFA die langweiligsten Mathrock-Klischees. Dem Ur-Stil ihrer alten Alben bleiben sie dabei zwar treu, aber der ist ohne kreatives Beiwerk und kompositorischen Fokus auch für die Katz. Zumindest nachdem man das ganze auf vier Alben davor in wesentlich besser hören konnte. Es ist schockierend, denn von absolut grandiosen Ikonen fällt die Band hier innerhalb von 43 Minuten plötzlich auf das Stadium der Acts zurück, die in den letzten Jahren vergeblich versucht haben, ihren Stil zu kopieren. Und das ist schon ein ziemliches Armutszeugnis. Wenn ich the Endless Shimmering so höre, bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ASIWYFA von jetzt an nie wieder so eine coole Band werden wie vor dieser LP. Es ist zwar schon eher unwahrscheinlich und sicher werden sich die Nordiren hiernach schnell wieder rappeln und weiter tolle Musik machen, aber das hier ist schon eine Zäsur. Für mich wird diese Platte mit großer Wahrscheinlichkeit zum krassen Schandfleck ihrer Diskografie werden und es ist ernüchternd, wenn man das schon eine Woche nach Veröffentlichung weiß. Am besten ist es deshalb , den Mist so schnell wie möglich zu vergessen und einfach weiter zu gehen. Man muss sich ja nicht unnötig quälen.





Persönliche Highlights: Terrors of Pleasure / Dying Giants / Mulally / Chrysalism

Nicht mein Fall: 3 Triangles / A Slow Unfolding of Wings / the Endless Shimmering

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