Donnerstag, 5. Oktober 2017

Despacito

In Zeiten des schnellen und vergänglichen Ruhms und des Online-Hypes ist es äußerst selten geworden, dass es aufstrebende Künstler*innen schaffen, die Öffentlichkeit über die Dauer mehrerer Monate hinweg in Atem zu halten. Ein ganzes Jahr scheint mittlerweile schon fast unmöglich. Und doch taucht bereits seit 2014 in den Listen mit den heißen Newcomern der Saison der Name Seamus Mallinagh aka Iglooghost auf. Seit nunmehr drei Jahren wird der Brite in allen möglichen Foren und Blogs als das große neue Genie der elektronischen Musik gehandelt und jedes seiner Releases von der Kritik mit Lorbeeren überhäuft. Schon 2015 gab es den Vertrag beim Edel-Label Brainfeeder und seitdem sitzt die ständig wachsende Fanbase des Produzenten mit jeder Saison mehr auf Kohlen. Nachdem seine Debüt-EP Chinese Nü Yr vor zwei Jahren zum umjubelten Überraschungserfolg wurde, dachte man eigentlich, dass der erste Longplayer direkt um die Ecke wäre. Aber Iglooghost ließ uns warten. Mit Sabber am Kinn musste man mit ansehen, wie der Tausendsassa einen großartigen Track nach dem anderen auf seiner Soundcloud-Seite veröffentlichte, aber hintenrum der Community den Mittelfinger zeigte. Man hatte sich schon damit abgefunden, dass es von ihm wohl nie das ersehnte Debüt geben würde, doch dann war es plötzlich doch da. Mit elf Songs in 40 Minuten ist Neo Wax Bloom das erste Material des Briten, das dem Begriff des Albums wirklich würdig erscheint und zum Glück auch so ziemlich genau das, worauf alle gewartet haben. Der spritzige, flotte und unglaublich detaillierte Sound, der Iglooghost über die letzten Jahre so bekannt und beliebt machte, findet hier auf Hochform statt und für seinen Einstand im LP-Game hat sich der Produzent ein paar ganz besondere Sahnebonbons ausgedacht. Super Ink Burst und Solar Blade spielen äußerst gekonnt mit ein paar erfrischenden Jazz-Elementen, die als Einfluss für Mallinagh schon immer deutlich spürbar waren und auch hier prominent platziert sind. Auf der anderen Seite finden sich aber auch relativ neue Impulse, die man von ihm noch nicht so kannte, wie die Grime-Beats in Teal Yomi oder die gepitchten Vokal-Samples, die man überall auf dem Album findet. Auch ist es ungewöhnlich, mit Cuushe und Mr. Yote hier gleich zwei Gastauftritte zu hören (beide sind sehr gut). Aber egal, was Iglooghost anpackt, es funktioniert irgendwie. Der Brite bewegt sich auf dem Terrain seines eigenen Stils mittlerweile so sicher, dass diese LP maximal unangespannt und leichtfüßig daher kommt. Besonders genial finde ich, wie er mit dem Einbau von analogem Instrumentarium umgeht. Denn obwohl die Songs hier maximal elektronisch-kantig und anorganisch klingen, passen Dinge wie akustische Gitarren, Piano, Saxofon oder sogar Streicher ganz selbstverständlich in den Flow der Platte, was ziemlich beeindruckend ist. Klanglich, technisch und kompositorisch ist diese LP absolut makellos. Perfekt macht sie das dennoch nicht. Ich habe lange überlegt, was mich trotz allem an Neo Wax Bloom stört und bin mir inzwischen sicher, dass das Problem im Grunde genommen darin liegt, dass sie sich nicht genug Zeit nimmt. An all den wunderschönen und fantasievollen musikalischen Momenten, von denen ich so begeistert bin, rauscht man als Hörender in einem Affentempo vorbei und kommt gar nicht wirklich dazu, diese zu genießen. In eine Minute Song baut Iglooghost so viele Schichten genialer Tricks und Kniffe, dass man unmöglich alles mitbekommen kann und vieles davon einfach nur als kunterbunte, spaßige Sound-Konfetti wahrnimmt. Nach der gefühlten Viertelstunde Spieldauer kommt man sich vor wie nach einem epilleptischen Anfall, gepaart mit Diabetes und einer Wurzelbehandlung. Und so richtig schön ist das ehrlich gesagt nicht. Hätte Iglooghost das Tempo hier um ein Minimum heruntergeschraubt, hätte Neo Wax Bloom ein hochweriges Abenteuer mit vielen kleinen Höhepunkten werden können, die für sich gestanden hätten und ihre Wirkung auch entfaltet hätten. So ist es leider ein wenig chaotisch geworden. Angesichts des eigentlich sehr blickigen Songwritings dieses Künstlers ein ziemlich dummer Fehler. Und es hinterlässt bei all den schönen Dingen hier einen kleinen herben Beigeschmack, den ich bei ihm zum ersten Mal überhaupt habe. Anscheinend ist das Album also nicht für alle Künstler*innen das optimale Format.





Persönliche Highlights: Super Ink Burst / Bug Thief / Solar Blade / White Gum / Purity Shards / Infinite Mint / Teal Yomi/Olivine / Peanut Choker / Göd Grid

Nicht mein Fall: -

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