Sonntag, 29. Oktober 2017

Culture Clash

Unter den Künstler*innen der zeitgenössischen instrumentalen U-Musik, vor allem der Acts des Constellation-Labels, waren Esmerine noch nie die größten Rocker. Wenn man die Kanadier kannte und mochte, dann höchstwahrscheinlich aufgrund ihrer Pluralität an internationalen Folk-Einflüssen, der großen Melodien und ihrer Fähigkeit, spannende Rhythmen zu schichten. Zumindest für mich waren das die Gründe, warum ihr letztes Album Lost Voices zu einer meiner Lieblingsplatten des Jahres 2015 wurde. Doch war ich dabei, wahrscheinlich aufgrund ihrer Label-Verwandtschaft, immer der Meinung, Esmerine seien im Kern eigentlich eine Rockband. Und vielleicht war das auch mal so, aber davon haben sie sich spätestens auf dieser neuen LP gelöst. Zwar ist auf Mechanics of Dominion nach wie vor die Gitarre ein wichtiges Instrument und es werden auch deutliche Rock-Bezüge hergestellt. Jedoch sind diese Dinge diesmal eher ein Surplus und täuschen nicht darüber hinweg, dass diese Band mittlerweile ganz andere Steckenpferde hat. Neben den nach wie vor starken Einflüssen aus europäischer, orientalischer und ostasiatischer Folkmusik meine ich damit insbesondere Jazz und Neo-Klassik. Das Grundgerüst der acht Tracks sind viele Elemente von beidem, aber insgesamt ist Mechanics of Dominion merklich zahmer als noch sein Vorgänger. Schon der Opener the Space in Between erinnert mit seinem auf Klaviermelodien fokussierten Songwriting enorm an Grauzonen-Komponisten wie Ludovico Einaudi oder Yann Tiersen und setzt damit die Ästhetik dieser Platte schon ganz anders an als alles zuvor. Denn danach wird diese Art von Material zum Teig, mit dem Esmerine ihre bunten Torten backen: La Penombre spielt mit Flamenco-Bausteinen, Que Se Vayan Todos wird zum minimalistischen Arvo Pärt-Verschnitt (nur eben mit Drone!) zum rhythmisch vertrackten Bebop-Godspeed-Mutanten, La Plume des Armes experimentiert vor allem mit schräger Percussion und in La Lucha Es Una Sola hört man stellenweise sogar Ska-Momente heraus. Wie jedes Esmerine-Album erinnert Mechanics of Dominion dabei ein einen wirren und bunten Sound-Basar, an dem von jeder Ecke ein anderes musikalisches Schmankerl schrillt. Doch wo das ganze auf Lost Voices irgendwie noch einem gewissen Plan folgte, hat die Band diesmal leider doch ein bisschen die Kontrolle verloren. Vor zwei Jahren klangen die Kanadier nach klanglichem Schmelztiegel, hier hört es sich eher so an, als wären ein paar Soundspuren aus Versehen im selben Ordner gelandet. Teilweise völlig wahllos prallen Stile hier aufeinander und wo so etwas eigentlich kreativ und cool sein sollte, haben Esmerine es diesmal vielleicht doch ein klein wenig übertrieben. Wenn türkische Volkstänze und Surfrock partout nicht zusammen passen, dann sollte man irgendwann einfach aufhören, sie auf Krampf fusionieren zu wollen. Und manche der vielen verschiedenen Klänge, wie beispielweise die synthetischen Chöre und das Jazz-Schlagzeug im Titelsong, verderben den Spaß auch mehr, als ihn anzufachen. Da freut man sich nachher doch eher über die zurückhaltenden Klavierstücke, die wenigstens funktionieren und nicht so sehr verwirren. Man darf das nicht falsch verstehen, es gibt auf jeden Fall total viele geniale Momente auf diesem Album. Nur machen Esmerine hier immer entweder zu viel oder zu wenig. Ein Mittelweg, wie es ihn auf Lost Voices gab, scheint hier ausgeschlossen und daran verliert diese LP sehr viel. Sie macht diese Band vielleicht interessanter, aber kompositorisch auch schwächer. Und ich für meinen Teil weiß, wo ich zwischem beiden meine Prioritäten setze.





Persönliche Highlights: the Space in Between / La Lucha Es Una Sola / Que Se Vayan Todos / Northeast Kingdom / Piscibus Maris

Nicht mein Fall: La Plume des Armes

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